In Resonanz

Texte, die in direktem Widerhall zu einem Kunstwerk, Bild
oder Gegenstand be-greifbar wurden



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November 2011

Klaus Kerber, Altforweiler


Filigranarbeit
Perlen ins Gras geknüpft
Novembertau

Ursula Kerber


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Masken

Idee und Foto: Wally Differding-Buch, L - Eischen



Masken

Zögernd und vorsichtig schritt sie zu dem großen Spiegel, der an der Wand hing und betrachtete durch die schmalen Sehschlitze die fremde Frau, die eben noch sie selber war.
Zuerst blickte sie nur starr geradeaus, verwundert, dass diese Kleidung und erst recht die Maske auch ihre Körperhaltung formten. Aufrecht stand sie da, wie eine dieser Puppen aus den Modejournalen des 19. Jahrhunderts.
"Seltsam", dachte sie , "die Maske ist weder schwer noch eng". Ruhig hob und senkte sie den Kopf, um ihr begrenztes Gesichtsfeld zu erweitern. Wie würdevoll sie wirkte, jetzt, wo nicht jeder ihrer verhuschten Gedanken sich sofort in ihrer Mimik spiegelte und ihre Angst und Unsicherheit im Ebenmaß der Maske verschwand.
Die Maske selbst zürnte nicht, sie lächelte nicht und bot damit alle Möglichkeiten, ihren Körper sprechen zu lassen.
Sie übte das huldvolle Heben der rechten Hand, winkte leicht mit der linken. Mit ausgestrecktem Arm forderte sie den einen auf Distanz und befahl auf der anderen Seite jemanden näher.
Sie spielte dieses Spiel zuerst langsam, dann im immer rascheren Wechsel und mit jeder Geste wuchs ihre Macht. Sie spürte, dass sie Boden unter den Füßen hatte, einen festen Stand. Selbst wenn sie die Augen schloss, blieb die Wirkung bestehen.
Wie hatte sie das all die Jahre übersehen können? Ihr wurde gleichzeitig heiß und kalt. Ja, sie lebte mit Masken zusammen, mit Larventrägern in ihrem eigenen Haus. Nun kannte sie das Geheimnis, jetzt schreckte sie niemand mehr. Sie würde ebenbürtig sein und jedem alles mit gleicher Münze heimzahlen. Sie spürte den wohligen Schauer von Wut und Hass in sich aufsteigen.
"Vergeltung" lachte sie diabolisch in ihre Maske und riss sie mit einem Ruck herunter.
Ein Blick in den Spiegel hätte gezeigt, dass die Maskenstarre jetzt in ihr Gesicht gebrannt war.

Ursula Kerber


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Masken

Meret Oppenheim, 1936: "Frühstück im Pelz", MoMA New York



Die Nachricht

Er wurde ihre große Liebe, damals, als sie schon lange im Alleinsein eingerichtet war.
Wie ein Blitz hatte er sie getroffen, dieser bewundernde Blick des Welt erfahrenen älteren Herrn, der an diesem Abend lässig über die Avancen wesentlich jüngerer Schönheiten hinweg sah.
Sie hatte er ausgewählt, wie sehr ihr das schmeichelte.
Verführerisch unbemerkt verwischte er nun von Tag zu Tag mehr ihre Gedanken, bis sie anfing, seine Wünsche und Erwartungen zu erahnen und sie zu ihren eigenen zu machen.
In ihrem früheren Leben hätte sie niemals Pelz getragen. Das Fell toter Tiere schreckte sie einst ab wie kalte Augen.
Jetzt aber durfte er sie einhüllen, ihr damit Wärme vermitteln, die sie so dringend brauchte.
Mit den Streichelfellen wich wie von selbst alles aus ihr, was jemals zum Widerspruch gereizt hätte. Sie wurde glatt, anschmiegsam, auf eine leblose Art sanft. Sogar ihre Bewegungen waren seltsam verzögert, verhuscht, schlafwandlerisch.
Bis zu dem Morgen, als der Zirkus auf dem Festplatz gastierte.
Im Vorbeifahren erkannte sie die müden Augen eines Tigers im Käfig und sie schaute wie in einen Spiegel, ein einzig entscheidender Blickwechsel.

Das ganze Elend der Kreatur erschreckte sie zu Tode. Ihre Haut brannte. Mit einem energischen Ruck warf sie den Pelzmantel ab.
So schnell sie konnte, fuhr sie nach Hause, getrieben, gehetzt, packte wenige Sachen wild in eine Reisetasche und flüchtete aus seinem Leben.

Als er die Ansichtskarte "Frühstück im Pelz" erhielt – ohne Text und Absender -, wusste er: sie hatte ihn endgültig verlassen.


Ursula Kerber